0,103 Prozent – und trotzdem Volksvertreter? Warum ist Susan… — Denk_Futter — TG.ME

0,103 Prozent – und trotzdem Volksvertreter?
Warum ist Susan Sziborra-Seidlitz heute da, wo sie ist – und wie viel Einfluss hatte der Souverän tatsächlich darauf?

Friedrich Steiner - 30.08.2026
Link: https://friedrichsteiner.substack.com/p/0103-prozent-und-trotzdem-volksvertreter

Warum ist Susan Sziborra-Seidlitz heute da, wo sie politisch steht? Nicht, weil sie 2021 ihren Wahlkreis gewonnen hätte. Auch ihre 1.843(!) persönlichen Erststimmen waren für ihr Mandat nicht notwendig. Sie hätte selbst mit keiner einzigen persönlichen Stimme in den Landtag einziehen können. Entscheidend waren die Zweitstimmen ihrer Partei und ein Listenplatz, den der normale Wähler weder vergeben noch verändern konnte. Einen besonderen fachlichen Befähigungsnachweis für dieses Amt musste sie ebenfalls nicht vorlegen, und für die finanziellen Folgen politischer Fehlentscheidungen haftet sie nicht mit ihrem Privatvermögen. Bezahlt wird das Mandat aus öffentlichen Mitteln – in Sachsen-Anhalt derzeit mit mehr als 9.000 Euro Grundentschädigung im Monat, zuzüglich Kostenpauschale. All das ist legal. Aber Legalität beantwortet noch lange nicht die Frage, ob eine solche Konstruktion demokratisch überzeugend, vernünftig oder gerecht ist.

Bei der Landtagswahl 2021 waren in Sachsen-Anhalt 1.788.930 Menschen wahlberechtigt. Susan Sziborra-Seidlitz erhielt im Wahlkreis Quedlinburg 1.843 Erststimmen, das waren 6,6 Prozent der gültigen Erststimmen dort. Bezogen auf sämtliche Wahlberechtigten Sachsen-Anhalts entsprechen diese persönlichen Stimmen 0,103 Prozent.
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Selbst diese Zahl lässt das eigentliche Problem noch kleiner erscheinen, als es ist. Sziborra-Seidlitz gewann ihren Wahlkreis nicht, sondern zog über Platz 3 der Grünen-Landesliste in den Landtag ein. Die Grünen erhielten genügend Zweitstimmen für sechs Sitze. Ihre 1.843 persönlichen Stimmen waren für den Einzug deshalb nicht erforderlich. Es hätten 843 sein können, 83, acht, eine einzige oder tatsächlich keine. Bei ansonsten gleichem Wahlergebnis wäre sie trotzdem #Landtagsabgeordnete geworden.
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Im Handwerk gelten andere Maßstäbe. Wer einen zulassungspflichtigen Handwerksbetrieb eigenverantwortlich führen will, muss eine entsprechende fachliche Berechtigung nachweisen. Für Bäcker, Friseure und Kraftfahrzeugtechniker bestehen fachliche Anforderungen, Prüfungen und gesetzlich geregelte Zugangswege. Dahinter steht ein nachvollziehbarer Gedanke: Wer Verantwortung übernimmt, soll wissen, was er tut. Wer eine Bremse repariert, Lebensmittel herstellt oder einen Betrieb führt, muss seine fachliche Befähigung nachweisen können.
Ein Landtagsabgeordneter entscheidet dagegen über Milliardenbeträge, beschließt Gesetze und beeinflusst Schulen, Polizei, Infrastruktur, Wirtschaft, Verwaltung und Energiepolitik. Seine Entscheidungen können über Jahre oder Jahrzehnte Folgen haben. Einen besonderen fachlichen Befähigungsnachweis für dieses Amt hat der Gesetzgeber trotzdem nicht vorgesehen.
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Ein Listenplatz, den der Bürger weder vergeben noch korrigieren kann, kann für eine politische Karriere entscheidender sein als jede persönliche Zustimmung der Bevölkerung. Im Extremfall reichen null persönliche Stimmen. Das ist keine Panne des Systems, sondern seine Funktionsweise.
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Wenn alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht, Parteien aber darüber entscheiden, welche Personen auf aussichtsreichen Listenplätzen stehen, der Bürger diese Auswahl nicht korrigieren kann und ein Kandidat persönlich nicht einmal eine einzige Stimme benötigt, um anschließend als „Volksvertreter“ politische Macht auszuüben, dann ist nicht die Kritik an diesem System radikal. Radikal ist die Selbstverständlichkeit, mit der dem Souverän anschließend erklärt wird, genau das sei sein Wille.
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September 1, 2026 31 3