DEIN WILLE GESCHEHE
Viele von uns haben einen hyperwachsamen Verstand.
Ein Kopf, der gelernt hat, alles zu analysieren, vorauszudenken, zurückzudenken, Zusammenhänge zu suchen und keinen verdammten Stein liegen zu lassen, weil irgendwo darunter ja die Erklärung dafür liegen könnte, warum alles gekommen ist, wie es gekommen ist.
Wir schauen zurück und reflektieren.
Was hätte ich anders machen können? Hätte ich früher gehen sollen, länger bleiben, mehr lieben, weniger lieben, früher Grenzen setzen oder endlich früher den Mund aufmachen?
Als gäbe es irgendwo in unserer Vergangenheit diese eine verdammte Stelle, an der wir falsch abgebogen sind. Und wenn wir sie finden, können wir zurück.
Können wir nicht.
Wir therapieren uns aus dieser Verzweiflung heraus. Wir heilen unser inneres Kind, regulieren unser Nervensystem, lösen Bindungsmuster, suchen unsere Schatten, verstehen unsere Partner und durchleuchten unsere Ahnenlinie.
Weil eine muss es ja scheinbar tun. 🧝♀️
Und irgendwie lag darunter immer auch eine Hoffnung.
Wenn ich nur genug verstehe, kann ich bleiben.
Wenn ich genug heile, kann ich dazugehören.
Wenn ich genug vergebe, können wir uns wieder lieben.
Wenn ich mich nur tief genug erkenne, finde ich irgendwann heraus, was mit mir falsch ist und dann kann ich es endlich reparieren.
Weil wir dazugehören wollen. Verdammt noch mal, natürlich wollen wir dazugehören.
Zu unseren Familien. Zu einem Menschen. Zu Freunden. Zu irgendeinem kleinen Haufen Menschen, bei denen wir nicht ständig erklären müssen, warum wir sind, wie wir sind.
Und dann kommt das Leben und interessiert sich einen Scheiß für unsere ganzen Erkenntnisse.
Du kannst für jeden eine verdammt gute Erklärung finden. Und trotzdem können sie dir nicht geben, was du gebraucht hättest.
Das ist die Scheiße am Verstehen.
Es verändert nicht die Geschichte.
Manche Eltern werden nicht plötzlich verständnisvoll, nur weil wir ihre Kindheit verstanden haben. Manche Geschwister finden nicht mehr zusammen. Manche Freundschaften kommen nicht zurück. Manche Beziehungen überleben all die Liebe nicht. Manche Menschen werden dich bis zum Schluss falsch verstehen.
Wenn genug Menschen gegangen sind, wird es verdammt schwer, nicht irgendwann auf die Idee zu kommen:
Vielleicht bin ich ja wirklich falsch.
Gerade wenn wir in die Wechseljahre kommen, kann die Rechnung ziemlich ungemütlich werden.
Weil nicht mehr alles vor uns liegt. Weil wir sehen, was geblieben ist. Und was nicht.
Menschen sind gestorben. Beziehungen zerbrochen. Manche Türen sind einfach zu.
Und wir stehen da mit all unserem Bewusstsein und können uns die Tür trotzdem nicht wieder aufmeditieren.
Aber es ist halt so … Menschen gehen auch von guten Menschen.
Menschen bleiben bei Arschlöchern.
Menschen lieben einander und können trotzdem nicht miteinander.
Menschen verzeihen und wollen sich trotzdem nie wieder sehen.
Menschen verstehen alles und ändern nichts.
Das Leben ist nicht gerecht genug für unsere ganzen Konzepte.
Und gleichzeitig macht Verlust etwas mit uns. Er richtet den Blick auf das, was fehlt. So lange, bis wir manchmal kaum mehr sehen können, was noch da ist.
Weil Zugehörigkeit für uns eine Ursehnsucht ist.
Und wenn wir diesen Platz dort nicht bekommen haben, wo wir zuerst hingehört hätten, verbringen manche von uns ein halbes Leben damit, ihn doch noch irgendwie zu verdienen.
Aber und jetzt kommts … irgendwann bist du über fünfzig und denkst:
Leck mich doch am Arsch. Ich habe wirklich genug versucht.
Es ist gekommen, wie es gekommen ist.
Es hat gekostet, was es gekostet hat.
Es ist geblieben, wer geblieben ist.
Und spätestens nach der letzten Sonnenfinsternis stehst du da und kapierst:
Es geht gar nicht mehr darum, dass unser Wille geschieht, so wie ich das vor ein paar Jahren noch formuliert hätte.
Es geht gar nicht mehr darum, dass unser Wille geschieht.
Und irgendwann schaust du nach oben und sagst:
Okay.
DEIN WILLE GESCHEHE.
Keine Ahnung, was du mit mir vorhast.
Schauen wir mal, was jetzt passiert.
Aheijjjj