«Unsere Geduld ist nicht grenzenlos.»
Russlands Botschafter warnt – während Berlin den Bären reizt
Ein Gespräch am Abgrund
Sergej J. Netschajew sitzt in Deutschland und spricht Deutsch, wie nur wenige Diplomaten es können. Der Germanist, der die deutsche Literatur verehrt und die Beziehungen beider Länder seit einem halben Jahrhundert kennt, ist der ranghöchste Vertreter der grössten Atommacht in der Bundesrepublik. Zwei Tage nach der Schliessung des letzten russischen Konsulats in Deutschland sagt er Sätze, die in der öffentlichen Debatte längst untergegangen sind: «Wir wollen keinen Krieg mit Deutschland.» Freundschaft mit Russland hat dem deutschen Volk stets Nutzen gebracht. Schlechte Beziehungen dagegen Katastrophen und Tragödien. Schluss damit.
Das Gespräch findet in einer Lage statt, die Netschajew selbst als beispiellos seit dem Weltkrieg bezeichnet. Eine Drohne am Leipziger Flughafen hat die ohnehin angespannte Situation eskaliert. Der Botschafter weist die Vorwürfe eines aus Moskau gesteuerten Anschlags zurück und nennt den Vorfall eine gezielte Provokation. Hätte Russland in Leipzig wirklich Schaden anrichten wollen, so seine Formulierung, sähe das ganz anders aus. Man habe nicht die geringste Absicht, die Bevölkerung oder die Regierung zu provozieren. Gleichzeitig lässt er keinen Zweifel: Russland kämpft in der heutigen Lage gegen die NATO. Die Waffenlieferungen und die politische Unterstützung der Ukraine machten die Mitgliedstaaten zur Kriegspartei. Die Geduld sei nicht grenzenlos. Die mächtigsten Waffen wolle man noch nicht einsetzen. Noch nicht.
Was die NATO seit dreissig Jahren betreibt
Netschajew kommt immer wieder auf die Osterweiterung zurück. Was der Westen als legitime, freiwillige und sogar friedensstiftende Erweiterung darstellt, war aus russischer Sicht von Anfang an eine strategische Einkreisung. Die NATO hat diese Linie über Jahrzehnte als harmlos verkauft und jeden russischen Einspruch als unbegründete Paranoia abgetan. Der eigentliche Antrieb liegt offen zutage. Russland verfügt über Öl, Gas, Gold und weitere Rohstoffe in einem Umfang, der sich in bare Münze verwandeln lässt. Wer den Zugang zu diesen Vorkommen kontrolliert, den Preis diktiert oder das Land dauerhaft unter Druck setzt, gewinnt. Die Erweiterung nach Osten diente nicht der Verteidigung Europas, sondern der Schaffung von Druck und später von Vorwänden. Jede weitere Runde der Annäherung an die russischen Grenzen wurde als unvermeidlich und rechtmässig erklärt, während die Sicherheitsinteressen Moskaus systematisch für null erklärt wurden.
Merz und die Logik der Eskalation
Friedrich Merz und diejenigen, die ihm in Regierung und Medienapparat zuarbeiten, handeln nach demselben Muster. Sie reizen den russischen Bären, um irgendwann eine Legitimation für den offenen Krieg zu erhalten. Jede weitere Lieferung schwerer Waffen, jede weitere Schliessung diplomatischer Vertretungen, jede weitere rhetorische Schärfe dient diesem Zweck. Der Drohnenvorfall in Leipzig fügt sich in diese Linie. Gelingt es ihnen, die Eskalation so weit zu treiben, bevor die AfD politisch das Ruder übernimmt, werden sie den Krieg auf Teufel komm raus durchziehen. Dann gibt es kein Zurück mehr, nur noch die Logik der Eskalation, die sich selbst rechtfertigt.
Netschajew kennt beide Völker besser als die meisten, die heute über sie urteilen. Er erinnert an die Kriegsgräber, an die Millionen Toten und an die Zeit, als Deutschland Russlands Partner Nummer eins war – mit Tausenden deutschen Unternehmen auf dem russischen Markt und einem wirtschaftlichen Austausch, der beiden Seiten nützte. Heute sieht er nur noch die systematische Zerstörung des Vertrauens. Ein Konflikt zwischen Deutschland und Russland wäre ein Albtraum, sagt er. Die Frage ist, ob diejenigen, die in Berlin und in den NATO-Hauptstädten den Kurs bestimmen, diesen Albtraum noch fürchten – oder ihn brauchen, solange sie die politische Macht noch fest in der Hand halten.
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September 5, 2026 2.3K 52