Darf man den Bundeskanzler als arrogantes Arschloch bezeichnen?
Selbstverständlich nicht. Das wäre eine Beleidigung. Und die kann strafrechtliche Konsequenzen haben.
Aber was macht man, wenn man den Eindruck gewinnt, ein Bundeskanzler verhalte sich permanent wie ein solches?
Dann beschreibt man einfach, was er tut.
Friedrich Merz wurde im Sommerinterview damit konfrontiert, dass jeder fünfte Bürger darüber nachdenke, Deutschland zu verlassen. Seine Antwort sinngemäß:
Na ja, dann wollen immerhin vier von fünf bleiben.
Und genau diese Art von Antwort ist es, die Millionen Menschen stört.
Denn die spannende Frage wäre doch gewesen: Warum denkt überhaupt jeder Fünfte darüber nach, dieses Land zu verlassen? Warum überlegen Unternehmer, Selbstständige, Fachkräfte und andere Leistungsträger, Deutschland den Rücken zu kehren?
Und was tut die Bundesregierung dagegen?
Statt sich mit dieser Frage ernsthaft auseinanderzusetzen, kommt eine Antwort, die man als bemerkenswert selbstgefällig und arrogant empfinden kann.
Gleichzeitig diskutieren wir seit Jahren darüber, wie Deutschland dringend benötigte qualifizierte Zuwanderung gewinnt – während ein erheblicher Teil der Zuwanderung eben nicht unmittelbar in qualifizierte Beschäftigung führt.
Vielleicht braucht man deshalb gar keine Beleidigungen. Man könnte auch sagen:
Herr Bundeskanzler, Ihre Antwort wirkt überheblich. Selbstgefällig. Herablassend. Erstaunlich gleichgültig. Von oben herab. Und vor allem: eines Bundeskanzlers nicht würdig.
Oder noch eleganter: Man muss einen Bundeskanzler nicht beleidigen. Manchmal genügt es vollkommen, sein Verhalten präzise zu beschreiben.
Die deutsche Sprache ist schließlich reich genug. Man muss nicht immer gleich zum A-Wort greifen.