*DIE STIMME *
Schon immer warnten sie SIE vor der STIMME.
"Wenn die Stimmen kommen, dann lauf schnell weiter",
sagten sie. "Sie ist nicht gut für dich.
Sie holt dich, schneller, als dir lieb ist."
"Du kannst ihr nicht entkommen, wenn sie dich einmal in ihren Klauen hat. Die Stimmen vernichten dich. Sie sind gefährlich.
Wenn du sie hörst, dann renne um dein Leben. Sie hat schon so manchen geholt und sie sind nie wieder gekommen..."
So wuchs sie auf im Kreise von alten Weibern. Sie alle wussten es und passten gut auf, dass sie auf den Pfad blieb.
Besonders die Männer waren besorgt um die Stimmen.
Die Männer hatten so manche ihrer Frauen verloren an DIE STIMME. Deshalb verfluchten sie sie.
"Die Stimmen machen Verrücktes mit dir. Du bist nicht mehr du selbst" sagten sie und schüttelten ihre Köpfe.
"Uns kann sie nicht holen, wir hören sie gar nicht!"
Am Schlimmsten sollte es im Wald sein. Sagten sie. Überall, wo der Wind weht und die Wasser fliessen. Wo die wilden Tiere ihr Zuhause hatten. und die Sonne durch die dichten Äste schien.
"Dort hat die Stimme ihren freien Lauf."
So wuchs sie auf. Im alten Dorf. Man verbot ihr in den Wald zu gehen. Dafür sei sie noch nicht gefestigt genug.
So war der Wald seit frühester Kindheit , ja, seit sie denken konnte,
ein geheimnissvoller Ort, den sie nicht verstand.
In manchen Nächten rief der Wald sie. Nicht laut, sondern ganz leise, kaum wahrnehmbar. Er lockte süss und dunkel.
Komischerweise fürchtete sie sich nicht. Und doch hatte man ihr zu gut eingetrichtert, dass er gefährlich sei.
Sie wuchs heran und blühte in ihrer Schönheit. Die Männer warben um sie, sie lag bei ihnen des Nachts und gebar einen Sohn und eine Tochter. Noch immer vermied sie den Wald, es war ihr ins Blut übergegangen. Sie tat ihre Pflicht und putzte und kochte.
Mit der Zeit waren die Stimmen des Waldes in ihr verstummt. Sie kümmerte sich nicht darum. Es war einfach so, wie bei Allen.
Sie lebte das Leben, was ihre Eltern und die Ältesten ihr vorherbestimmt hatten. Tagaus und Tagein diesselbe Handlung.
So wurde sie irgendwann müde. Etwas quälte sie, doch sie wusste nicht was. Etwas erwachte in ihr, was sie nicht kannte. Sie hatte Angst, dass es etwas mit den Stimmen zu tun hatte.
Und Nachts rief der Wald wieder zu ihr, den sie noch nie betreten hatte.
Und dann kam der Tag, wo sie vom Markt kam und sich verirrte. Sie war wie immer denselben Weg gegangen und doch fand sie sich auf einmal woanders wieder. Sie wusste nicht, ob sie geträumt hatte für eine kurze Weile.
Und mit einmal stand er vor ihr, der Wald. Still und schwarz und schön. Sie stand da mit ehrfürchtigem Erstaunen, weil er so anders war, als alle immer gesagt hatten. Er machte keine Angst, sondern flösste ihr eine solch starke Geborgenheit ein, dass sie einen Schritt darauf zu machte.
Mit einmal stand sie mitten darin und schaute zu den majestätischen Bäumen empor, die sie zu erwarten schienen.
Tränen schossen in ihre Augen und das Herz wurde durch strahlende dunkle Schönheit berührt. Sie spürte unter ihren Füssen das weiche Moos und berührte unweigerlich die rauhen borkigen Stämme der Bäume und atmete ihren harzigen Duft ein.
Überwältigt sog sie den Geruch ein. Etwas erfasste sie, was sie noch nie zuvor gespürt hatte, ja, noch nicht einmal in ihren kühnsten Träumen dies Köstliche erahnen konnte. Etwas flüsterte ihr zu und sie erinnerte sich dunkel, wie in Trance, an die Stimmen, die sie ein Leben lang unterdrückt hatte und vor ihnen geflohen war. Doch jetzt waren ihre Füsse wie gelähmt, und mit einem Lächeln spürte sie, dass sie noch nicht einmal den Drang hatte zu widerstehen. Sie wollte sich hier und jetzt einfach fallen lassen, sich dem, was hier geschah, hingeben. Sie dachte nicht nach, auch dachte sie nichts, es war wie eine grosse kosmische Erfüllung und Selbstverstöndlichkeit, dass sie jetzt genau an diesem Ort war.