So begingen Russland & Belarus den 85. Jahrestag von Hitlers Angriff
Mit seinem Dokumentarfilm „Russland im Zangengriff“ hatte der große Peter Scholl-Latour schon 2006 mit der ihm eigenen Weitsicht die neuen Probleme zwischen Ost und West vorweggenommen. Darin beschrieb er auch das Trauma des Ostens, „wo die Toten des Zweiten Weltkrieges noch nicht zur Ruhe kamen“.
Seit 2014 haben in der Russländischen Föderation, auf der Krim, in Weißrussland, im Donbass und in Transnistrien die Erinnerungen an „den Großen Vaterländischen Krieg“ sogar noch merklich zugenommen: Siegesparaden – jetzt jährlich, statt nur einmal pro Jahrzehnt. Dauerthema in Medien und öffentlichen Debatten. Strafen für Geschichtsrevisionismus. Ausgrabungen und Anklagen gegen längst Verstorbene. Straßen und Plätze, die nach den alten Helden benannt werden. Selbst Monumente für Stalin kehren zurück.
Eher stiefmütterlich ist hier in den ersten Nachkriegsjahren noch die erbitterte Gegenwehr der Brester Festung – acht Tage nach deutscher, 31 Tage nach sowjetischer Darstellung – behandelt worden. Rund 2.000 Rotarmisten starben (auf deutscher Seite 453 Soldaten), 6.800 gingen in Gefangenschaft, nachdem die heute legendäre rote Backstein-Militäranlage unmittelbar an der alten Demarkationslinie schließlich doch fiel.
Die Frage, wie es die Feinde trotz zahlenmäßiger, waffentechnischer und materieller Unterlegenheit schaffen konnten, anschließend bis nach Leningrad, das Moskauer Umland und Stalingrad zu gelangen, nagte noch lange tief.
In den letzten Jahren ist das Erinnerungsprogramm an den Kriegsbeginn hier – vis-à-vis zur polnischen Grenze – schließlich merklich ausgebaut worden: Politische Seminare am Vortage, ein Segen von Patriarch Kyrill, Theater- und Musikvorstellungen mit Lichtspielen durch die ganze Nacht, die Ansprache eines letzten Augenzeugen ... und dann in den frühen Morgenstunden, exakt zur gleichen Zeit, ein reales Nachspiel des überraschenden Einmarsches der Deutschen Wehrmacht. Die Nachstellung der Kämpfe, Explosionen, Rauchschwaden und auch Zivilisten-Erschießungen wirken drastisch. Sie hat Tausende von Zuschauern angezogen, darunter ganze Familien mit Kindern. Und viele adrett gekleidete junge Leute.
Auch politische Delegationen aus 15 nicht-westlichen Ländern sind gekommen. Putin und Lukaschenko aber nicht. 200 Journalisten aus 20 Ländern sind akkreditiert worden – aus Deutschland bin ich der einzige. Aber dafür ist die Enkeltochter von Ex-KPD-Führer Ernst Thälmann als Teil einer deutschen Reisegruppe dabei.
„Es ist die Pflicht von uns allen, den Enkeln, Urenkeln und künftigen Generationen, alles zu tun, um die Geschichte und die Wahrheit über diesen Krieg zu verteidigen. Einen Krieg, in dem 27 Millionen Bürger verschiedener Nationalitäten und Religionen starben“, betont Wjatscheslaw W. Wolodin, der Vorsitzende der Staatsduma in Bezug auf die Opfer der Sowjetunion. „Sie gaben ihr Leben, damit wir heute Zukunftspläne schmieden und leben können“, so Wolodin, der in seiner Ansprache unterstrich, es werde nicht zugelassen, dass „die Geschichte umgeschrieben und die Leistung des sowjetischen Volkes vergessen wird“.
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