Die Flucht
Manchmal frage ich mich,
ob mein Schreiben nicht auch eine Form von Flucht ist.
Ob ich Dinge in Worte verwandle,
weil ich sie dadurch besser verstehen kann,
oder weil sie auf dem Papier manchmal leichter zu tragen sind
als mitten im Leben.
Es ist eine Sache, über Wahrheit zu schreiben.
Eine andere ist es, sie dort auszuhalten,
wo sie etwas von dir verlangt.
Es ist eine Sache,
einen Schmerz zu beschreiben,
ihm einen Namen, ein Bild
und vielleicht sogar einen Sinn zu geben.
Eine andere ist es,
still vor ihm zu sitzen,
wenn keine schöne Formulierung mehr zwischen dir
und dem liegt, was wirklich weh tut.
Vielleicht kann selbst Tiefe manchmal
zu einem Versteck werden.
Man versteht seine Wunden,
deutet seine Träume,
erkennt seine Muster
und schreibt über all das so lange,
bis Erkenntnis sich beinahe wie Veränderung anfühlt.
Und dann berührt das Leben plötzlich
eine Stelle in dir,
von der du längst geglaubt hast,
sie wäre geheilt.
Alte Schatten stehen wieder im Raum.
Alte Ängste bekommen eine Stimme.
Und etwas,
von dem du dachtest,
es hätte längst aufgehört zu bestimmen,
was du fühlst und wie du reagierst,
ist plötzlich wieder da.
Manchmal genügt ein Gefühl.
Ein Schweigen.
Ein Satz.
Ein Augenblick,
der näher an etwas Altes kommt,
als man erwartet hätte.
Und plötzlich fragt man sich,
ob man überhaupt weitergekommen ist.
Ob all die Jahre des Verstehens,
des Heilens und des Suchens
wirklich etwas verändert haben,
wenn eine alte Wunde nur eine Berührung braucht,
um sich wieder so lebendig anzufühlen wie damals.
Manchmal fühlt es sich an,
als würde man wieder ganz am Anfang stehen.
Doch vielleicht ist es nicht derselbe Anfang.
Vielleicht steht man nur wieder vor derselben Wunde,
diesmal aber als ein anderer Mensch.
Einer, der sie sehen kann.
Der erkennt, was gerade geschieht.
Und der nicht mehr gezwungen ist,
ihr blind zu folgen.
Worte können etwas sichtbar machen.
Sie können einem Schmerz eine Sprache geben
und helfen, Zusammenhänge zu erkennen.
Doch irgendwann kommt der Punkt,
an dem Erkenntnis allein nicht mehr reicht.
Dort,
wo man Verantwortung für das übernehmen muss,
was in einem selbst geschieht.
Wo man erkennt,
dass eine alte Wunde erklären kann,
warum man etwas getan oder gefühlt hat,
aber nicht entschuldigt,
wenn dadurch ein anderer Mensch verletzt wurde.
Vielleicht schreibe ich deshalb nicht nur,
um etwas sichtbar zu machen.
Vielleicht frage ich mich manchmal auch,
ob ich im Verstehen länger bleibe,
als das Leben es von mir verlangt.
Ob ich meine Schatten wirklich angenommen habe,
oder nur gelernt habe,
schöne Worte für sie zu finden.
Und vielleicht gehört genau diese Frage
zu der Wahrheit,
über die ich schreibe.
Denn selbst etwas,
das uns hilft zu heilen,
kann manchmal ein Ort werden,
an dem wir länger verweilen,
als wir sollten.
Vielleicht zeigt sich Heilung nicht darin,
dass alte Wunden niemals wieder sprechen.
Sondern darin,
dass wir sie erkennen,
bevor sie für uns handeln.
Dass wir Verantwortung übernehmen,
wenn sie es doch getan haben.
Und dass sie irgendwann
nicht mehr entscheiden dürfen,
wer wir sind
und wie wir handeln.

