Weil sich Leute immer wieder ihren eigenen Glauben zurechtbasteln (oder ihren eigenen Jesus Christus), eine lehrreiche Anekdote aus meinem Leben.
Mein Steckenpferd war immer die Biologie. In dem Fach war ich Kursbester. Wenn man weiß, was „Desoxyribonukleinsäure“ bedeutet oder man eine DIN A4-Seite chemischer Formeln auswendig im Kopf hat, dann fühlt man sich schlau.
Wenn man in einer Sache aber besonders gut ist, wird es immer auch ein wenig gefährlich, weil dann aus einem gesunden Selbstwertgefühl Stolz werden kann. Und aus Stolz kann Hochnäsigkeit werden, die zu einer trügerischen Selbstsicherheit führt.
Zu meiner Zeit musste man für das Abitur in drei Fächern eine schriftliche Prüfung ablegen und in einem weiteren Fach eine mündliche Prüfung, die schwächer gewertet wurde, als die schriftlichen.
Das Ergebnis der drei schriftlichen Prüfungen hatte ich bereits vor den Osterferien, - ich hatte das Abitur in jedem Fall bestanden. Anhand der drei Noten in meinen schriftlichen Prüfungen und der Zeugnisnoten der Oberstufe konnte ich nun schon meinen Abiturdurchschnitt errechnen.
Mein Ziel war ein Abiturdurchschnitt von 2,4. Was jetzt nicht besonders toll ist, aber ich hatte auch nicht die leichtesten Umstände. Mit diesem Durchschnitt wäre ich sehr zufrieden gewesen. Um ihn zu bekommen, hätte ich in der mündlichen Prüfung lächerliche vier Punkte gebraucht, das entspricht einer 4-.
Da ich für meine drei Fächer bereits immens viel lernen musste, allein für die Biologie musste ich vierzehn DIN A4 Hefte auswendig lernen, habe ich mir strategisch natürlich ein Fach für die mündliche Prüfung ausgesucht, wo der Lernaufwand erwartungsgemäß relativ niedrig war: kath. Religion.
„Reli” war ein klassisches „Laberfach“, wo man mit einigen wenigen guten Kommentaren oder ein bisschen Vorlesen im Unterricht eine Eins oder eine Zwei bekommen konnte. Ich habe das Fach nie ernst genommen und mich auch nie für dieses Thema interessiert. Das kam erst mit Irlmaier 2015.
Da ich wusste, dass ich schriftlich bereits bestanden hatte und mir sicher war, dass ich die lächerlichen vier Punkte aufgrund meiner Eloquenz auf jeden Fall schaffen würde, habe ich über die Osterferien überhaupt nichts gelernt und mich überhaupt nicht vorbereitet.
Dann kam die Prüfung. Abgefragt wurde die Bergpredigt, von der ich überhaupt nichts wusste. Ein bisschen Gestammel und Gedruxe meinerseits, und die Prüfung war endlich vorbei. Das war schlecht gelaufen, aber ich hatte immer noch Hoffnung auf vier Punkte.
Zwei Schulkameraden und ich trafen später einen der Lehrer, die an der Prüfung teilgenommen hatten, im Flur. Auch meine Kameraden hatten das Fach nur gewählt, weil es ein Laberfach war. Natürlich wollten wir wissen, wie es so ungefähr gelaufen ist, und dass wir ja sicher bestanden hätten, wenn auch nicht besonders gut. Der Lehrer entgegnete, dass wir da nicht allzu optimistisch sein sollten. Er sollte recht behalten: Wir alle fielen in diesem Fach durch und ich bekam drei Punkte, eine 5+.
Einen Punkt zu wenig für meinen Schnitt. Er wurde zur 2,6.
𝟭𝟯 𝗝𝗮𝗵𝗿𝗲 𝗦𝗰𝗵𝘂𝗹𝗲 𝘇𝘂 𝗘𝗻𝗱𝗲 𝗺𝗶𝘁 𝗲𝗶𝗻𝗲𝗺 𝗲𝗻𝘁𝘁ä𝘂𝘀𝗰𝗵𝗲𝗻𝗱𝗲𝗻 𝗭𝗲𝘂𝗴𝗻𝗶𝘀.
Ich war mir der Sache zu gewiss gewesen, war zu selbstsicher und bin böse auf die Nase gefallen. Das ist keine erfundene Story, so ist es wirklich gewesen.
Und auch die Leute hier meinen immer, sie hätten ihr Abi bereits in der Tasche und kämen ganz leicht in den Himmel.
»𝗠𝗶𝘁 𝗙𝘂𝗿𝗰𝗵𝘁 𝘂𝗻𝗱 𝗦𝗰𝗵𝗿𝗲𝗰𝗸𝗲𝗻 𝘄𝗶𝗿𝗸𝗲 𝗱𝗲𝗶𝗻 𝗛𝗲𝗶𝗹.« Apostels Paulus an die Philipper (Kapitel 2, Vers 12
Das Paradies will erkämpft sein! Nur wer den Willen des Vaters tut: Selbstverleugnung, gute Werke, Vermeidung der Sünde, darf in den Himmel. Wer in Jesus aber einen anspruchslosen Wackeldackel sieht, der jede Sünde einfach abnickt, wer mit seinem gottlosen Leben weitermacht, der wird seine Quittung bekommen.
Das Beitragsbild zitiert (leicht modifiziert) die eingangs erwähnte Bergpredigt.