Als Arzt plötzlich Betroffener: Ein Kardiologe über Post-Vac, Therapien und offene Fragen
Themen: Corona-Impfung, Impfnebenwirkungen, Kardiologie, Chefarzt, Jörg Heiner Möller, Belastungsintoleranz, Kognitive Aussetzer, Reizüberflutung, Körperregulation, Herzinfarkt, Ärztliche Verantwortung, Leitlinien
Es ist leicht, über Medizin zu sprechen, solange alles theoretisch bleibt. Schwieriger wird es dort, wo plötzlich ein Mensch vor einem sitzt, der sagt: Seit diesem Tag ist mein Leben nicht mehr dasselbe. Noch schwieriger wird es, wenn man selbst Arzt ist, jahrelang nach Leitlinien gearbeitet hat und irgendwann merkt, dass die eigene Erfahrung nicht mehr sauber zu dem passt, was offiziell erzählt wird.
An diesem Punkt beginnt die Geschichte von Jörg Heiner Möller, einem früheren Chefarzt für Kardiologie, der der Corona-Impfung zunächst positiv gegenüberstand und erst durch konkrete Fälle begann, genauer hinzusehen. Aus einzelnen Beobachtungen wurden mit der Zeit Hunderte Patienten, deren Beschwerden er erfasste und deren Verläufe er weiterverfolgte.
Was an dem Gespräch hängen bleibt, ist weniger die große politische Debatte als die Frage, was mit Menschen geschieht, deren Alltag nach einer Erkrankung oder nach einer Impfung aus der Spur gerät und die anschließend erleben, dass sich ihre Beschwerden medizinisch nur schwer einordnen lassen.
Möller beschreibt Menschen, die vorher arbeiten konnten, Sport machten und ihren Alltag ohne fremde Hilfe bewältigten, später aber nach vergleichsweise kleinen Belastungen am nächsten Tag kaum noch leistungsfähig waren. Andere berichten von kognitiven Aussetzern, von einer Reizüberflutung in Gesprächen oder davon, dass Lesen plötzlich anstrengend wird, weil der Zusammenhang nach wenigen Seiten verloren geht. Dazu kommen bei manchen Probleme mit Gleichgewicht und Körperregulation. In seiner eigenen Patientengruppe versucht Möller, aus diesen wiederkehrenden Beobachtungen ein Muster abzuleiten. Er sagt zugleich offen, dass größere Untersuchungen nötig wären, um diese Beobachtungen sauber zu prüfen.
> Bedrückend ist dabei, dass man vielen Betroffenen ihre Einschränkungen von außen kaum ansieht. Wer äußerlich gesund wirkt, aber seinen früheren Alltag nicht mehr bewältigt, gerät schnell in die Situation, seine Beschwerden immer wieder erklären zu müssen. Genau diese Erfahrung schildert Möller mehrfach.
Eine der stärksten Stellen des Gesprächs hat mit Corona allerdings gar nichts zu tun. Möller sagt sinngemäß, ein guter Arzt müsse seinen eigenen „Friedhof kennen“. Gemeint ist die Bereitschaft, Entscheidungen nicht im Nachhinein schönzureden. Er erzählt von zwei Herzinfarktpatienten, die am selben Tag starben. Bei dem einen hatte er eingegriffen und fragte sich danach, ob Zurückhaltung besser gewesen wäre. Wenige Stunden später entschied er sich bei einer anderen Patientin gegen den Eingriff und musste anschließend mit der entgegengesetzten Frage leben.
Solche Erfahrungen zeigen, wie wenig Medizin mit Unfehlbarkeit zu tun hat. Ein Arzt kann nach bestem Wissen handeln und trotzdem falsch liegen. Entscheidend ist, ob er bereit bleibt, aus dem Ergebnis etwas zu lernen, auch wenn es unangenehm wird.
Gerade deshalb ist das Gespräch interessant. Es fordert keine blinde Zustimmung zu jeder These, sondern etwas, das in der Medizin selbstverständlich sein sollte: Beschwerden ernst nehmen und Beobachtungen sauber prüfen, besonders dort, wo Antworten noch fehlen.
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Faktenbox
① Früherer Chefarzt für Kardiologie
② Zunächst positiv zur Impfung
③ Hunderte Patienten selbst erfasst
④ Beschwerden von außen unsichtbar
⑤ Größere Untersuchungen wären nötig
⑥ Der eigene Friedhof als Maßstab
