ES IST NOCH EIN WEG DA
Alfred Roth
Alfred Roth (1882-1950) beschreibt in seinem Buch Nebel, wie Verführung arbeitet: wie sie das Gewissen betäubt, wie sie das Böse im Gewand des Erhabenen auftreten lässt, wie am Wahlsonntag 1933 aus Radiogeschrei, Gebet und Choral binnen einer Stunde eine Stimmung wird, der kaum jemand widersteht. Und er warnt: Die Personen treten ab, die Kräfte bleiben. Sie warten, anders kostümiert, auf ihre Stunde – auch dort, wo sie ein christliches Gewand tragen.
Das Buch endet nicht im Befund. Auf die Frage, die 1945 alle stellten, gibt Roth eine dreifache Antwort und einen Satz, der die letzten Seiten trägt: Es ist noch ein Weg da. Für alle Leser, die sich fragen: Wie verführbar ist der gläubige Christ durch den Zeitgeist? Woran erkennt man eine Ideologie, ehe es zu spät ist? Wie unterscheidet man Glaube von Wahn, wenn beide fromm klingen?
Hier eine Leseprobe:
Das zweite Gespräch über dieselbe Gottesgabe wie gesagt genau dreißig Jahre später! Dies Zwiegespräch wurde nicht mit einem Menschen gehalten, denn zu der damaligen Zeit waren solche Zwiegespräche von Mund zu Ohr eine Unmöglichkeit – sondern mit einem Buch. Das Buch lag vor mir auf dem Schreibtisch und verlangte eine Rezension in einer Zeitschrift, deren Schriftleiter ich (damals noch) war.
Das Buch empfahl sich aber selbst mit folgenden Sätzen und verlangte von mir, dass ich diese Sätze als meine Empfehlung weitergeben sollte: „Ich, dieses Buch aus dem großen Umbruch der Zeit, muss eine ganz große Auflage bekommen! Es tut gut, wieder einmal in jene Notzeit vor 1933 zurückversetzt zu werden, noch einmal in Gedanken mitzugehen zu den Arbeitslosen, die nicht wussten, woher sie ihren Kindern etwas zu essen geben sollten, die aus ihrer Wohnung heraus mussten, weil sie keine Miete mehr zahlen konnten, und die nur ein Ideal sahen, den Kommunismus. Wer bannt die Not? Hat Gott sein Volk verlassen? Nein! Die Hilfe ist nicht sofort da, aber sie kommt immer näher und näher. Der Führer wird Reichskanzler, der deutsche Frühling 1933 bricht an, und es geht aufwärts!
1. Teil: Beobachtung
Die große Freude, die man an dem Buch hat, ist die, dass es aus einem Pfarrhaus kommt, das rückhaltlos bejahend hinter dem Werk des Führers steht. Wir als Christen wollen uns gerade das letzte Kapitel Und wir Christen? sehr zu Herzen nehmen.“
Ich sagte zu dem Buch: „Es brennt mir nur eine Frage auf dem Herzen – alles andere gehört nicht in das Gebiet, in dem ich zuständig bin. Diese eine Frage muss ich dir aber vorlegen: Woher weißt du, dass der große Umbruch, den du schilderst, das große Eingreifen Gottes nach seinem langen Schweigen ist?“
Das Buch sagt: „Das kann ja gar nicht anders sein, dazu ist dies Erleben viel zu groß!“
Ich: „Aber groß ist vieles, was beschrien wird. Sie schrien aber bei zwei Stunden: ,Groß ist die Diana der Epheser!‘ (Apg 19,34).“
Zur Leseprobe: https://www.edition-predigtarchiv.de/application/files/1117/8482/6868/Nebel_-_Leseprobe.pdf